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Nachrichten aus dem Kreisverband Oberhavel


Vision vom fahrscheinlosen Fahren

Foto: Marco Winkler
Kein Thema bewegt ihn so sehr wie der Nahverkehr: Marco Pavlik selbst fährt jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit nach Berlin.

Marco Pavlik von den Linken will für den Wahlkreis 7 in den Landtag einziehen. Das Steckenpferd des Gewerkschafters aus Mühlenbeck ist der Nahverkehr. Von Marco Winkler (Oranienburger Generalanzeiger vom 26.07.2019)

Am Mittwoch trafen zwei konkurrierende Landtagskandidaten für den Hennigsdorf, Velten, Kremmen, Oberkrämer und das Löwenberger Land umfassenden Wahlkreis 7 in Velten zusammen. Sie posierten lächelnd für ein Facebook-Foto. Clemens Rostock von den Grünen spricht von einem „linksgrünen Kandidierendentreffen“. Er schreibt: „Mal sehen, in welcher Reihenfolge wir am Ende durchs Ziel gehen.“ Marco Pavlik von den Linken sagt einen Tag später im Gespräch mit unserer Zeitung: „Erst ziehen die Linken, dich gefolgt von den Grünen und der SPD ein. Zusammen entwickeln wir dann unser Brandenburg.“ Der 51-jährige Gewerkschaftssekretär aus Mühlenbeck unterlegt seinen Satz mit einem Augenzwinkern.

Die Vergangenheit hat sich nie von Pavlik verabschiedet, sie ist immer präsent. Warum er im „hohen Alter“ noch in den Landtag ziehen will, hängt mit Verlusten zusammen. „Vor 20 Jahren habe ich meinen Vater in seinen letzten Wochen beim Sterben begleitet.“ Fünf Jahre später saß er hilflos am Sterbebett seiner an Krebs erkrankten Schwester. „Das führt einen vor Augen, wie kurz die Zeit ist, die wir haben, um etwas Gutes und Sinnvolles zu tun.“

Mitbegründer der SDP

Als Gewerkschafter, so hofft er, habe er in den vergangenen zwei Jahrzehnten viel Hilfreiches für andere auf den Weg bringen können. Er erinnert sich an den Arbeitskampf der Bus- und Straßenbahnfahrer im Jahr 2015, in dem sich Gewerkschaft und Kommunaler Arbeitgeberverband gegenüberstanden. Zehn Landkreise und alle kreisfreien Städte wurden bestreikt, 90 Prozent der Straßenbahnen und 70 Prozent der Busflotten standen still. Als Verdi-Verhandlungsleiter war er federführend dabei, errang am Ende eine Lohnerhöhung.

Wird 2019 ein prägendes politisches Jahr für den gelernten Mechaniker für medizinische Geräte? Zwei wichtige Jahreszahlen liegen hinter ihm. Ende Oktober 1989, in einem Wohnzimmer in Berlin-Pankow: Pavlik sitzt mit weiteren Mitstreitern auf dem Boden, setzt seine Unterschrift. Es ist die Gründung des Kreisverbandes Pankow der SDP, dem Vorläufer der SPD. 18 Jahre später: Pavlik verlässt die Sozialdemokraten, wechselt zu den Linken. Er sei mit der Hartz IV-Politik unzufrieden gewesen. „Es ist unheimlich entwürdigend, wie wenig Geld die Menschen bekommen und wie sie sich dafür vor Ämtern noch komplett nackig machen müssen.“ Zudem wollte er zu einer Partei, die sich klar gegen die aktuelle Rüstungspolitik ausspricht.

Gegen Verbotspolitik

Marco Pavlik hat sein Leben umstrukturiert, 40 Kilogramm abgenommen, aufgehört zu rauchen. Er treibt Sport, isst gesund. Eines ist geblieben: der Nahverkehr als Steckenpferd. Im Landesverband der Linken ist das sein Schwerpunkt. Großes Thema in seinem Wahlkreis: der Anschluss der S-Bahn nach Velten. „Es ist ein Trauerspiel“, sagt Pavlik. „Seit 1992 sind die Veltener von allen Verkehrsministern nur verarscht worden“, findet er explizite Worte. Er erwarte von der nächsten Landesregierung, sich der Thematik mit gleicher Intensität anzunehmen wie der Reaktivierung alter Stammstrecken. „Die Schiene ist das wichtigste Mittel, um dem Autoverkehr jenseits der Verbotspolitik etwas entgegenzusetzen.“ Verbote in der Mobilitätsdebatte (Stichwort: Diesel-Skandal) führten dazu, dass sich Menschen von der Politik abwenden.

Pavliks Ansatz ist: „Wir müssen mehr Angebote schaffen.“ Bürgerbusse wie in Gransee meint er nicht. Er spricht sich gegen sie aus. „Dieser Teil der staatlichen Daseinsvorsorge kann nicht aufs Ehrenamt abgewälzt werden. Der Träger nimmt sich hier aus der Verantwortung raus.“ Während in Hennigsdorf und Velten die Takte der Busse beispielsweise erhört werden müssten, sollten in ländlicheren Gegenden wie Kremmen und Löwenberg überhaupt mehr Busse in die kleinen Orte fahren. „Auch am Wochenende um 21 Uhr muss ein Bus ins Dorf fahren.“ Das werde viel Geld kosten. „Aber es geht nicht anders.“

Noch kostspieliger wird es, wenn man sich Pavliks Vision vom fahrscheinlosen Fahren anhört. Bus- und Bahnfahren sollte für alle kostenlos sein, sagt er. Seiner persönlichen Ermittlung zufolge koste die Aufrechterhaltung des ÖPNV in Brandenburg jährlich mehr als 800 Millionen Euro, 500 Millionen davon seien öffentliche Zuschüsse.

Er stellt sich vor, dass man mit einer zusätzlichen Steuer arbeiten könnte, um Bus- und Bahnfahren kostenlos anbieten zu können. „Das wäre am einfachsten. Ein Euro pro Tag vielleicht. Das tut keinem weh. Deshalb finde ich auch das 365-Euro-Ticket so charmant.“ In seiner Vorstellung müsste jeder so ein Ticket über eine Abgabe kaufen. Doch wäre das freie Ticket dann eben nicht doch mit Kosten und einem Zahlzwang verbunden? Antwort des Linken: „Es wäre ein solidarischer Nahverkehr, von dem alle profitieren könnten.“

Unbekanntes Land

Eine weitere Idee vom Gewerkschafter: eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft. „Es gibt zu wenig bezahlbare Wohnungen, das Land könnte in die Lücken springen.“ Bedarfe decken, die kommunale Wohnungsbaugesellschaften oder Investoren nicht leisten können. „Es sollte nicht um Gewinne gehen.“ Wenn Pavlik spricht, kommt immer wieder der Gewerkschafter durch. Ablegen kann er seinen Beruf, den er als Berufung bezeichnet, nicht. So verwundern Sätze wie „Es muss einen Mindestlohn von 13 Euro geben.“ und „Jeder hat das Recht auf einen armutsfreien Lohn.“ nicht.

So sicher wie auf diesem Gebiet ist Marco Pavlik in seinem Wahlkreis noch nicht unterwegs. Die Urbanität in Hennigsdorf und Velten ist ihm vertraut. Das flache, weitläufige Land mit seinen vielen kleinen Dorfgemeinschaften eher weniger. Er gibt zu: „Durchs Löwenberger Land bin ich bisher nur durchgefahren.“

Kein Thema bewegt ihn so sehr wie der Nahverkehr: Marco Pavlik selbst fährt jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit nach Berlin.⇥Foto: Marco Winkler